Reaktion auf das tragische Sendai-Erdbeben

Die ganze Welt drückt Japan in dieser schweren Stunde ihr Mitgefühl aus. Es ist eine unsägliche Tragödie: Ein Erdbeben mit Magnitude 9, begleitet von zahlreichen Vor- und Nachbeben, richtet verheerende Schäden in verschiedenen Städten Japans an. Eine Ölraffinerie gerät in Brand, Züge entgleisen, Autobahnen stürzen ein, das ISS-Kibo Control Center fällt aus. 210′000 Menschen werden evakuiert, 5.5 Mio Haushalte sind ohne Strom, eine Million ohne Wasser. Also ob das nicht schon genug wäre, stürzt eine Tsunami-Welle auf die Nordküste Honshus, richtet noch bedeutend mehr Schaden an als der direkte Erdstoss und löscht eine ganze Stadt aus. Man stelle sich das vor — Minamisanriku (19′170 EW) einfach ausgelöscht. Das entspricht ungefähr Aarau (19′471 EW).

Drückt wirklich die ganze Welt Mitgefühl aus und bietet Hilfe an? Nein, nicht ganz. In der Schweiz passiert scheinbar etwas ganz anderes. Ein Ereignis habe ich in der Liste oben ausgelassen: Der INES-4-Vorfall in Fukushima I. Gegner der Kernenergienutzung nutzen die Gelegenheit um für ihre Sache zu werben. Da erlebt ein Land eine Tragödie ungeheuren Aussmasses mit weit über tausend Todesopfer und Zehntausenden von Verletzten; doch das einzige, was man daraus macht, ist Wahlkampf.

Der erwähnte Kernreaktor — er hätte eigentlich sowieso Ende Monat stillgelegt werden sollen — wurde zerstört. Man könnte nun sagen, Glück gehabt, da ist kaum Schaden durch Einnahmeverluste (nicht gelieferte Energie) entstanden. Trotzdem muss aber angemerkt werden, dass die Stilllegung auf diese Weise einiges teurer werden wird. Zudem wurden gewisse Isotope freigesetzt, welche die Strahlungsbelastung über die natürliche Niveau der Hintergrundstrahlung erhöhen, allerdings glücklicherweise auf das offene Meer hinausgetragen werden. Selbstverständlich reagiert die japanische Regierung richtig indem sie vorsichtshalber Jodtabletten verteilt und die Bevölkerung in unmittelbarer Umgebung evakuieren lässt. Die Nachzerfallswärme ist noch immer beträchtlich, ein Nachbeben jagt das andere, da können noch immer zusätzliche Schäden auftreten, welche die strukturelle Integrität des Reaktorbehälters oder des inneren Containments gefährden könnten. Natürlich kann man das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Doch im Vergleich zu den anderen durch Erdbeben und Tsunami verursachten Schäden ist Fukushima I völlig vernachlässigbar. Vier Verletzte und ein Todesopfer stehen Tausenden gegenüber. Ein Gebäude steht ebenfalls Tausenden gegenüber. Japan hat andere Sorgen als dieser INES-4-Vorfall. Oder gar Energiepolitik.

Mein Mitgefühl gilt der japanischen Bevölkerung, insbesondere den direkt Betroffenen und ihren Angehörigen.

 

2 responses

  1. Michael says:


    Heute morgen wurde in den Medien die Meldung gebracht, dass die japanischen Behörden den Vorfall im AKW Fukushima auf der INES-Skala vorläufig auf 7 hochgestuft hat (z.B. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,756420,00.html)

    Ich kann Deinen Standpunkt vom Blogeintrag zwar gut verstehen, war jedoch (und bin es heute umso mehr) anderer Meinung. So kann ich es nicht lassen, Dir eine Gegendarstellung zukommen zu lassen. :-)

    Es stimmt zwar, dass durch das Erdbeben und vor allem durch den Tsunami ungleich viel mehr Leute umgekommen sind resp. Obdachlos wurden, als durch den Vorfall im AKW. Nichtsdestotrotz sehe ich die radioaktive Kontamination der Umgebung als alles andere als geringfügiges Problem. Während bei einem normalen Tsunami (à la Weihnachten 2004) in 10 – oder seien wir grosszügig – 100 Jahren das Leben wieder seinen normalen Lauf nimmt, ist bei Tschernobyl und Fukushima die Region für mehrere 100 Jahre geschädigt (Cs137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren). Es würde mich nicht wundern, wenn in den nächsten Jahrzehnten in Nordjapan nachweislich mehr Fehl-, Missgeburten und Leukämie-Opfer gezählt würden. Faierweise müsste man also die Erdbeben/Tsunami-Opfer mit allen zukünftigen Fukushima-Opfer vergleichen.

    Und falls sich herausstellt, dass sogar Pu-239 in grösseren Mengen austreten sollte, dann ist die Region für mehrere 10′000 Jahre kontaminiert. Wobei die Wissenschaft und Technik sich natürlich auch weiterentwickelt und sich bis dann vermutlich eine ganz andere Lösung abzeichnet.

  2. Lukas (blog author) says:


    Kurze Antwort: Richtig; die Situation erfordert eine Neubeurteilung. Doch unerwarteterweise fällt das Fazit erstaunlich ähnlich aus. Die lange Antwort im Blog-Artikel vom 17. April 2011.

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