Wie repariert man Lautsprecher nicht?

Bin gerade intensiv mit einem Buchprojekt beschäftigt, deshalb gibt es heute nur einen kurzen Blog-Eintrag. Nein, es handelt sich nicht um mein eigenes Büchlein (ISBN 978-3-86955-130-2) — da warte ich noch auf grünes Licht aus Zürich — sondern um die Korrekturlesung der zweiten Auflage eines exzellenten Büchleins zum Gemini-Programm.

Das heutige Thema: Wie repariert man Lautsprecher nicht? Glücklicherweise sind bei meinem Umzug praktisch keine Schäden aufgetreten, was bei der langen, internationalen Reise doch sehr bemerkenswert ist. Zwei Dinge gingen aber kaputt: Erstens zwei Kondensatoren im Kopfhörerverstärker, die fälschlicherweise als steckbar vermutet wurden und deshalb herausgerissen wurden. Und zweitens eine Lautsprecherbox vom Typ “Canton Plus XL” mit geschirmtem Magnetsystem. Gerade letzteres sorgt für eine grosse Masse am Korb, und so ist eben genau das passiert, was bei einem Korb aus Kunststoff passieren kann: Die Verbindung zwischen Magnetsystem und Korb brach. Für einen Elektroingenieur ist es natürlich immer interessant, wenn ein Ding unerwartet sein Inneres offenbart.

Wie im Bild sichtbar, wurde zusätzlich zu den aus dem Korb herausgerissenen Schrauben auch der Schwingspulenträger aus (perforiertem) Aluminium deformiert. Interessant, dass Canton bei diesem Chassis einen Alu-Schwingspulenträger einsetzt. Dieser sorgt zwar für höhere elektrische Belastbarkeit, doch die hohe elektrische Leitfähigkeit dieses Materials sorgt auch für Wirbelströme und damit für erhöhte mechanische Verluste. Folglich sinkt die mechanische Güte Qms (für diejenigen, die sich mit Thiele-Small-Parameter auskennen). Dies reduziert das notwendige Volumen des Bassreflex-Gehäuses, hat allerdings auch eine geringere Tiefbassausbeute zur Folge. Die Perforation sorgt für eine freie Luftbewegung, da bei diesem Chassis keine Polkernbohrung vorhanden ist. Die Spule ist einlagig aus lackisoliertem Kupfer-Runddraht.

Nun begann die Sisyphosarbeit: Mit Hilfe einer Vielzahl sämtlich ungeeigneter Instrumente versuchte ich den Schwingspulenträger zu richten. Bald passte er wieder über den Polkern, schabte aber immer etwas daran. Irgendwann erschien mir das Schaben leichtgängig genug und es ging weiter zum nächsten Schritt: Dem Zusammensetzen. Anschrauben war keine Option, also feilte ich die herausgebrochenen Teile noch etwas zurecht und klebte das Magnetsystem per Metall-Kontaktkleber (Forbo) an. Während des Abbindens des Klebers justierte ich auf minimalen mechanischen Widerstand bei Membranauslenkung per Hand.

Nach vollständiger Aushärtung schraubte ich alles fix zusammen und nahm die Box wieder am Computer in Betrieb. Uäääähhh, Klirrfaktor 250% — so geht das nicht. Aber mit der Zeit nahm das Kratzen etwas ab. Vermutlich passte sich der Schwingspulenträger langsam dem Polkern an. Als verpasste ich der Box ein wunderschönes Einspielen bei 30 Hz bis 40 Hz. Das Kratzen und Schaben nahm tatsächlich langsam ab und der Klirrfaktor bei Musik reduzierte sich auf beinahe akzeptables Niveau — jedenfalls bei geringen Lautstärken. Sobald die Lautstärke aber einen gewissen Punkt überschreitet, kommen unsägliche Verzerrungen hinzu.

Was soll ich tun? Ich hänge sehr an diesen Lautsprechern — nicht nur des Klanges wegen, sondern auch die gefällige Optik in passendem Silberlack. Nun schreibe ich mal Canton an, vielleicht können sie mir ein Ersatzchassis zusenden. Oder mir die Thiele-Small-Parameter des eingesetzten Chassis mitteilen, damit ich ein möglichst ähnliches Produkt finden kann. Fazit: Die Reparatur dynamischer Konus-Lautsprecherchassis ist mit “normalem” Werkzeug nicht zu schaffen. Dem Ingeniör ist manchmal doch etwas zu schwör.

 

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